Interview

Mit Gott auf dem Sozius, denn „wir brauchen alle Schutz von oben“

„Warum geben wir dem Bösen soviel Raum, wenn wir es doch hätten besser machen können.“ – Gespräch mit dem Berliner Motorradpfarrer, Bernd Schade, über seine Tätigkeiten als Motorradpfarrer, Gott und die Welt.

Motorradpfarrer Bernd Schade /Foto: BS
Motorradpfarrer Bernd Schade /Foto: BS

Bernd Schade aus Berlin ist von Kindesbeinen an leidenschaftlicher Biker und frommer Christ. Diese Kombination ist nichts Außergewöhnliches: Laut dem evangelischen Pfarrer, sind Motorradfahrer insgesamt ein sehr „gläubiges Völkchen“. Aber Motorradpfarrer sind weltweit eine Rarität. In Deutschland stellt die Kirche immerhin die Rahmenbedingungen für diese besondere Berufung bereit. Im Folgenden spricht Spezialinfo mit Herrn Schade über das Motorradfahren, den Glauben an Gott, Seelsorge, Terror und politische Krisen.

SpIn: Sie sind selbst begeisterter Biker. Seit wann und wie kam’s?

BS: Meine Begeisterung fürs Motorrad besteht quasi schon mein Leben lang. Manifestiert wurde sie, als mein älterer Cousin mich als kleinen Steppke einmal auf dem Tank seiner Kreidler ein Stück mitnahm. Seither wusste ich, was ich heute folgendermaßen beschreiben würde: Ich fahre Motorrad, weil ich als Motorradfahrer gewollt bin.

SpIn: Welche Maschine fahren Sie zurzeit?

BS: Eine Triumph 800 XC Tiger, also eine Reiseenduro.

SpIn: Sind Sie in einem Motorradclub?

BS: Nein, ich gehöre zur Gruppe „Christ und Motorrad“, und das schon seit 1993. Aber das ist kein Club, sondern eine christliche Gruppe. Als ich dazu stieß, bestand die Gruppe aus 7 Personen; heute sind wir ca 120 motorradfahrende Männer und Frauen.
Als Beauftragter der Landeskirche für Motoradfahrer treffe ich mich darüber hinaus auch mit anderen Motorradgruppen, die eben nicht christlich sind, Clubs, Fahrgemeinschaften, etc.

SpIn: Wie haben Sie zu dem Glauben gefunden?

Wenn Sie so wollen, habe nicht ich zum Glauben, sondern hat der Glaube zu mir gefunden.

SpIn: Wollten Sie schon immer Pfarrer werden?

BS: Vermutlich ja, ich stamme aus einem kirchlich geprägten Hause. Kirche war für meine Familienteile immer ein Bezugspunkt durch alle Wirren und Veränderungen hindurch, die Deutschland geprägt haben. So lag es schon in meiner Wiege, der Freiheit, die Menschen bei Gott finden können, in meinem Leben Ausdruck zu verleihen. Nichts desto trotz habe ich aber eine abgeschlossene Berufsausbildung zum Kfz-Mechaniker. Mundwerk und Handwerk gehören schließlich zusammen.

SpIn: Wieso Motorradpfarrer, gibt es auch einen Pfarrer für Fahrradfahrer, LKW-Fahrer, Lokführer etc.?

BS: Das liegt an den Motorradfahrern selber, die sich zusammenfinden, um für sich um göttlichen Beistand nachfragen. Wir scheinen ein – wie immer – religiöses Völkchen zu sein. Motorradfahren vermittelt einem sehr oft ein Gefühl unbändiger Lebensfreude, ja ist selbst ein Ausdruck davon. Andererseits besteht auch ein hohes Gefahrenpotential. Wer um beides weiß, erkennt, dass wir eben nicht alles in unserer eigenen Hand haben und auf Schutz von „oben“ angewiesen sind.
Eine gewisse Nähe besteht zu den Brummifahrern, die einsam ihre Straßen fahren, erfüllt von einer Sehnsucht nach Weite, nach Landschaft, nach Unterwegssein; und wiederum mit einer Sehnsucht nach Heimat. Nach einer Heimat, die auf Dauer ist. Diese Sehnsucht in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, die teilen wir Biker. Und wir ahnen, ja wissen, das beide Sehnsüchte in Gott zusammenkommen.

SpIn: Sind Sie der einzige Motorradpfarrer, bundesweit, weltweit?

BS: Nee, beileibe nicht. Die kirchlichen Strukturen in Deutschland ermöglichen es, Kolleginnen und Kollegen mit dieser besonderen Berufung eben auch mit einem besonderen Auftrag zu versehen. Weltweit sieht das etwas anders aus, da hängt das eher am persönlichen Engagement der Pfarrer.
Aber eines ist überall gleich: Biker verstehen sich, wo immer sie einander begegnen.

Motorradpfarrer Bernd Schade /Foto: BS
Motorradpfarrer Bernd Schade /Foto: BS

SpIn: Was macht einen Motorradpfarrer aus, bzw. inwiefern unterscheidet sich Ihre Arbeit von der anderer evangelischer Geistlicher?

BS: Motorradfahrer kommen zusammen auf der Basis eines gemeinsamen Interesses, des Motorradfahrens. Alles andere kann sich dann auf dieser Grundlage entfalten. Religiöses oder säkulares. Kirchengemeinden haben eine andere Gemeinschaftsstruktur, die formale Basis ist die Gemeindezugehörigkeit, auf der sich alles weitere entwickeln kann. Die Gruppe Christ und Motorrad z. B. ist keine Gemeindegruppe, sondern grundsätzlich in jeder Hinsicht offen. Im Raum der Kirche repräsentiert sie die Welt, die nicht kirchlich ist. Im Raum des Säkularen, also außerhalb der Kirchenmauern zeigt sie, dass Christen eben auch in öffentlichen Räumen selbstverständlich und präsent sind. Und dies nicht durch besondere Aktivitäten, sondern schlicht durch ihre Zugehörigkeit zu beiden „Welten“.

SpIn: Wie sieht eine Motorradmesse aus?

BS: Unsere Gottesdienste? Immer wieder anders. Wir haben keine verbindliche Liturgie, sondern setzen ein, was der jeweils zusammenkommenden Gottesdienstgemeinde gut tun könnte. Das ermitteln wir am besten in Vorbereitungsteams, die aus dem Kreise der Motorradfahrer selbst stammen. Allerdings ungesegnet kommt niemand on the road again.

SpIn: Welche Motorradclubs kommen zu ihren Messen? Auch Hells Angels und Bandidos?

BS: Zu der traditionellen Mahn- und Gedenkfahrt und dem Gedenkgottesdienst für die tödlich verunglückten Motorradfahrer der zurückliegenden Motorradsaison kommen alle, denen das Ermahnen und Gedenken wichtig ist. In meinen Bikergottesdiensten gibt es keine Zugangsbeschränkungen.
Die kirchliche Arbeit mit Motoradfahrenden hat begonnen als Rockerarbeit; später hat sie sich geöffnet für alle Motoradfahrer. So soll es bleiben. Übrigens kannte auch Jesus keine derartigen Beschränkungen. Das Reich Gottes steht allen offen.

SpIn: Bei einer Messe hatten Sie zum vorsichtigem Fahren geraten. Nehmen andere Verkehrsteilnehmer zu wenig Rücksicht auf Motorradfahrer? Zum Beispiel indem sie den Sicherheitsabstand nicht einhalten?

BS: In einer??? In jeder!
Wie man sich selbst immer wieder disziplinieren muss, damit die Pferdestärken kontrolliert freigesetzt werden können, so muss man auch mit überraschendem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer rechnen. Wachsam, vorausschauend, vorausahnend, defensiv – so muss der Biker fahren. Das A&O für uns ist die regelmäßige Teilnahme an mindestens einem Fahrsicherheitstraining pro Jahr. Zügellosigkeit soll keinen Platz auf öffentlichen Wegen finden; wer sich austoben möchte, darf sich gerne zu entsprechenden Veranstaltungen auf den Rennstrecken Europas anmelden.

SpIn: Wie spenden Sie den Angehörigen Trost, die jemanden durch einen Motorradunfall verloren haben? Was sagt man in so einer Situation?

BS: Ich höre zu. Ich höre denen zu, die ihren Schmerz mit jemandem teilen möchten, der versteht, worum es geht.

SpIn: Sie haben nach dem Terroranschlag an der Gedächtniskirche in Berlin Seelsorge geleistet. Können Sie die Situation beschreiben?

BS: Wir alle haben die Bilder gesehen, nicht nur die vom Breitscheidplatz, auch die von Ankara, Istanbul, Aleppo, Kobane. Ich will mich an solche Bilder nicht gewöhnen. Vor Ort, wenn man Hilfe leisten darf und kann, entstehen andere Bilder. Ich habe gesehen eine bemerkenswert professionelle Umgehensweise der verschiedenen Einsatzkräfte. Das war vis a vis vom LKW ein heilsames Bild. Und es gilt: wer sich für Notleidende engagiert, also wirklich und praktisch hilft und anpackt, sieht den Menschen, wie er ist: angewiesen, heilsbedürftig.
Ich habe auf dem Breitscheidplatz auch Leute gesehen, die angesichts des Leides und des Chaos sich nicht entblödeten, Selfies zu schießen. Um in den „sozialen“ Medien Bilder zu erzeugen, die niemanden zum Heilen animieren. Das sind dann keine wohltuenden Bilder. Von denen haben wir genug.

SpIn: Wie gehen Sie mit Menschen um, die gerade einen nahen Angehörigen durch solch ein schreckliches Attentat verloren haben?

BS: Ich höre ihnen zu.

SpIn: Und die allgegenwärtige Frage: Warum lässt Gott so etwas zu?

BS: Der Gott, der all das Böse in der Welt zulässt, ist derselbe Gott, der auch das Gute nicht verhindert. Und die Frage geht gleich an uns weiter, warum wir dem Bösen so viel Raum geben, wo wir es hätten besser machen können?

SpIn: Waren Sie schon Mal bei vergleichbar dramatischen Situationen dabei?

BS: Ich bin seit 2000 Notfallseelsorger und habe vieles gesehen und gehört. Ich mache mich nicht zum Publikum, das unterschiedliche Dramen bewertet. Sondern ich helfe, wo ich kann.

SpIn: Sind Sie schon Mal vom Glauben abgekommen?

BS: Nein, wie geht das? Mein Glaube hat sich verändert, ist quasi mit mir gewachsen, hat sich an manchen Stellen wundgerieben, ist geheilt worden. Von bestimmten Zielsetzungen bin ich abgekommen, sicherlich, aber das ist ja nix besonderes, sondern ein Produkt des Glaubens selber.

SpIn: Stichwort Flüchtlingskrise: Wie sollte man als Christ und überhaupt als Mensch damit umgehen?

BS: „Umgehen“ ist ein falsches Wort dafür, ein ganz falsches Wort. Hingehen ist viel besser. Unbefangen und in aller inneren Freiheit hingehen, schauen, sich einsetzen. Dann erkennt man jenseits aller Idealisierungen die konkreten Chancen und Grenzen.

SpIn: Rechte Bewegungen und Parteien haben in den letzten Jahren in Europa und den USA viel Aufwind bekommen. Halten Sie so etwas wie ein 4. Reich oder gar einen europaweiten rassistischen Faschismus für möglich?

BS: Nicht nur dort, tief im Westen. Es scheint ein weltweites Phänomen zu sein. Putins Russland darf man hier nicht außen vor lassen in einer nüchternen Betrachtung. Ebenso nicht die Radikalen unter den Islamisten.
Wir stehen – o, mein Gott, ich dürfte das nicht sagen – weltweit am Scheideweg: entweder a) zerfleischen wir uns selbst, oder b) wir erkennen, dass die Menschheit, um zu überleben, zusammenrücken muss: die Fragen der Ressourcen, der Wasserverteilung, des bestehenden Klimawandels… haben Priorität. Höchste Priorität.

SpIn: Wie soll man sich aus christlicher Sicht in der Situation verhalten?

BS: So, wie wir Christen das schon immer taten: das biblische Zeugnis hat die weltweite Ökumene – also die Gemeinschaft der Kirchen – dazu bewegt, sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Let’s do it again!

SpIn: Wünsche für die Zukunft?

BS: Dass wir behütet und bewahrt bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch, wir wünschen weiterhin viel Engagement, Erfolg und eine sichere Fahrt!

Das Gespräch führte Jennifer Gregorian, Herausgeberin und Chefredakteurin von Spezialinfo
in:
http://www.spezialinfo.com/motorradpfarrer-biker-gott-seelsporge-terror-politische-krisen/

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Über bikerpfarrer

Beauftragter der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für die Arbeit mit Motorradfahrenden. www.ekbo.de
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